Hat das digitale Ich ein Anrecht auf den Tod?

 Mausetod und das Leben

Mausetod. So wird’s laufen. Maus und Tod. Nicht Mann und Maus. Irgendwann. Jeder. Ganz simple – Augen zu mit putzigen Kreuzchen. Wir betten uns zur ewigen Ruhe. Ruhe? Ewig? Mein digitales Ich macht mir ein Strich durch die Rechnung. Jedem Kreuzchen zum Trotz. Da bin ich. Verdammt zum ewigen Leben – online.

Knappe Güter sind teuer und wertvoll. Ich will ein teures und wertvolles Leben. Überschätzte Dinge, wie die Ewigkeit, waren noch nie meine Nummer. Ich wähle den Tod und brauche dazu nicht die Nummer der Auskunft. Wahlfreiheit ist meine Nummer eins und ich bin das Nummerngirl des Lebens. Ich habe ein Anrecht auf den Tod. Mein digitales Ich hat ein Anrecht auf den Tod.

Die Anderen

Da sind die Anderen. Die Anderen in meinem Leben. Das Leben der Anderen und Ich. Habe ich ein Anrecht auf den Tod – offline und online? Was ist mit dem Anrecht der Anderen? Hier bin ich. Ich und Ich. Mein Facebook Ich gehört dazu. Viele Geschichten kann es erzählen. Mir und Anderen. Auch ich neige zum Schwelgen. Entscheide ich mich für den Tod meines digitalen Ichs, dann entscheide ich mich gegen einen Grabstein im Social Web. Ich brauch ihn nicht. Aber die Anderen? Mein Facebook Ich ist Wirklichkeit – real. Seit 2008 spiegelt mein Facebook-Profil mich wider. Digital ist Nebensache. Wenn ich aber möchte, dass mein digitales Ich mit meinem Ich stirbt, nehme ich dann den Anderen nicht die Chance zu trauern? Darf ich diese Entscheidung treffen? Muss ich diese Entscheidung treffen? Ich treffe.

Wer kümmert sich um mich? Wer bestellt die Blumenkränze? Wer löscht meine Accounts im Social Web?

Liebe Mama,

wie du weißt, besitze ich ein digitales Ich. Hiermit verfüge ich, dass du alle meine Accounts nach meinen (realen) Tod löschst. Eine Datei mit entsprechenden Zugangscodes habe ich in der Cloud für dich hinterlegt.

Ich liebe Dich. Dein Kind.


Profilverfügung

Eine Profilverfügung so schmerzhaft wie eine Patientenverfügung. Unausweichlich und Zukunft. Ich bin Patient und Profil gleichermaßen. Wir sollten das regeln. Und wir sollten darüber sprechen. Ich lege eine Patientenverfügung ab. Ich lege eine Profilverfügung ab.

Facebook hat mit der Umstellung auf die Chronik uns die Geburt geschenkt und gleichermaßen uns den Tod als zusätzliches Give-Away angemahnt. Sterben auf Facebook ist kein Zuckerschlecken. Friss oder stirb, oder eben auch nicht [1] (Anm. d. Red.: Youtube-Video: Rechte auf Löschung des Facebook-Profils der Erben beim Todesfall – Minute 11:50 bis Minute 12:31). Facebooks’ Profit liegt auch im Tod. Tote Daten bleiben Daten.

Kein Leben als Zombie

Hier geht es nicht um den Gimmick, im Tod Statusmeldungen zu verfassen [2]. Es geht um das Leben und den Tod. Ich möchte nicht Teil der Geisterstadt Social Web sein. Mir reicht Google+  als Geisterstadt vollkommen aus (Anm. d. Red.: Seitenhieb). Zombiefilme rocken, Zombies in der Nachbarschaft nicht. Ich möchte Leben – aber nicht im Tod.

Danke, Mama.

[1http://www.youtube.com/watch?v=6vHzrXWWrWE&list=UUb5TfGtSgvNPVPQawfCFuAw&index=0&feature=plcp

[2] http://www.welt.de/wall-street-journal/article106375281/Tote-twittern-mit-DeadSocial-aus-dem-Jenseits.html

3 Gedanken zu „Hat das digitale Ich ein Anrecht auf den Tod?

  1. Wie wahr, wie wahr. Ich hab noch nicht mal die normale Patientenverfügung geschafft, geschweige, dass ich all meine Zugänge und Passwörter kenne. Gott gnade meinen Nachkommen…

  2. Die von dir vorgeschlagene Form der Verfügung halte ich weder für sonderlich geschickt, noch für juristisch praktikabel. Natürlich kannst du einem Dritten das Recht einräumen, deine Online-Accounts zu löschen oder sonstwie damit zu verfahren. Dass dies in zahlreichen Fällen im Widerspruch zu deren AGB steht, vernachlässigen wir der Einfachheit halber einmal. Was du aber nicht rechtswirksam tun kannst und was ich auch für menschlich recht unglücklich halte, ist, jemanden zivilrechtlich und einseitig dazu zu verpflichten, nach deinem Tod dieses oder jenes zu tun.

    Was funktioniert: Mit einer Person deines Vertrauens, besser mit drei, denn nur zu leicht fällt eine einzelne Vertrauensperson einmal aus, die Sache im Voraus besprechen, sie darum bitten, dir diesen Gefallen posthum zu tun. Kläre sie auch über den Verstoß gegen die AGB der Plattformbetreiber auf, den sie gegebenenfalls begehen werden. Dann schreibst du entsprechende, förmliche Vollmachten und lässt deine Vertrauensleute wissen, wo diese in deinem Todesfall zu finden sind. Bewährt hat sich eine zentrale Fundstelle (Ordner) für alle Unterlagen, die im Fall, dass man zu eigenen Willenserklärungen nicht mehr in der Lage ist, relevant werden. Ob dieser im heimischen Sekretär oder besser bei einem Notar bereitstehen sollte, ist frage der individuellen Lebensumstände.

  3. Ich muss gestehen, dass ich mich mit Verfügung wohl nach deiner Interpretation unglücklich ausgedrückt habe. Auch wenn ich eine Profilverfügung nicht für abwegig halte.

    Mama=Person des Vertrauens
    Verfügung=Bitte
    Praxis=Zettel mit meinen Zugangsdaten aller Plattformen
    Eintritt des Todes=Löschung der Profile…ob rechtens oder nicht…

    Doch wir sollten uns lieber früher als später darum kümmern!

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