Digital Naives – Von Kinderschuhen und falscher Erziehung

Die eigene Fratze

Könnte ich auch hintergründig über das Leistungsschutzrecht und die Verlagslandschaft schreiben [1], oder über die digitale Avantgarde [2]? Nein. Denn ich habe keine Ahnung. Disqualifizieren über disqualifizierte Äußerungen, finde ich zwar knorke, aber ich disqualifiziere mich lieber anders – ehrlich. Gefährliches Halbwissen f..k off. Es folgt ein erbarmungsloses Selbstportrait eines Digital Naive.

Selbstportrait und der Kuhhandel

Damals Mitte/Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrtausends begegnetest Du – das Internet – mir zum ersten Mal. „Hallo du“, sagte ich schüchtern und gleichsam eingeschüchtert von Dir, dem 8. Weltwunder. Pyramiden, Ihr könnt einpacken, aber so was von! Denn alles ist so viel größer und so was von umsonst. Der Kuhhandel ward eröffnet und die Kinderschuhe geschnürt.

„Doch, Internet! Wie hast Du mich erzogen?“ äußere ich heute unter Scham. Bevor irgendeine Werbeagentur „Geiz ist geil“ überhaupt skizziert hatte, hast Du mir dieses Credo schon lange eingepflanzt. Tief in mich hinein. Tief, tiefer, Internet. Websites, Suchmaschinen, E-Mail-Dienste, Skype, Messengers, Blogs und und und – Inhalte nur für mich und „nur“ umsonst.

Tertiäre Sozialisation

Ich wurde sozialisiert – mehrmals. Ganz zu erst durch Mama (primäre Sozialisation), dann durch die Gesellschaft (sekundäre Sozialisation) und dann durch Dich (tertiäre Sozialisation). Auch Mama macht Fehler, und die Gesellschaft ist nicht perfekt – aber Du, Du hast alles falsch gemacht. Alles!

Der Digital Naive und die prägende Kindheit

„Was kostet die Welt?“ bekommt heute eine neue Bedeutung. Die Welt wird kostenpflichtig [3] (Anm. der Red: Mist, einen Verlag verlinkt. Aus der Nummer komme ich jetzt nicht mehr raus…). Der Kuhhandel ward geschlossen. So entgegne ich herausfordernd: „Dann gucke ich halt woanders“. Trotz, so eine schöne Reaktion. Dieselbe Woche fragt mich eine andere Online-Ausgabe (Anm. d. Red: Verlagshaus spielt keine Rolle), ob ich denn bereit sei, für die Inhalte zu zahlen. “Und Ich? Ja, ich?”. Ich muss meiner kindlichen, unerzogenen Fratze ins Gesicht blicken – Ich zahle NICHT für Inhalte online, denn das habe ich gelernt. “Internet, du has(s)t mich so sozialisiert!“. „Aber ich bin es, die verweigert zu zahlen!“ flüstere ich leise zu dem Digital Naive in mir und ich weiß, dass sich das System nicht trägt. Wer füttert wen? Bisher leben wir alle von der Hand in den Mund, aber vor allem von der Taube auf dem Dach.

Wahrheiten und Eitelkeiten

Nutzerverhalten, Bezahlsysteme und Bezahlsysteme im Einklang mit dem Nutzerverhalten?

Wenn wir ERST da anfangen, drehen wir uns alle im Kreis, bis uns schlecht ist. Das Karussell der Internetkeiten dreht sich. Der Blick in den Spiegel ist der erste Schritt – aber nicht der Blick in die kostenfreie Bild-Online. Zigtausend Digital Naives hätten es nötig. Ich, ganz vorne mit dabei.

Der Digital Na(t)ive steckt noch in den Kinderschuhen, braucht eine Mama, eine Gesellschaft und eine tragfähige Internet-Sozialisiation.

Können wir uns selbst erziehen? Ich möchte mir mein „t“ verdienen und erwachsen werden.

„Kinderschuhe, ich bin zu groß“.

 

[1] http://www.stefan-niggemeier.de/blog/google-ist-nicht-das-netz-und-verlage-sind-nicht-der-gute-journalismus/

[2] http://onlinejournalismusblog.com/2012/12/19/die-lebenslugen-der-digitalen-avantgarde-und-der-verlage-eine-kurze-antwort-auf-eine-flut-von-repliken/

[3] http://www.zeit.de/digital/internet/2012-12/weltonline-bezahlsystem-bezahlschranke

Foto von JD Hancock: http://www.flickr.com/photos/jdhancock/4223693617/

photo credit: JD Hancock via photopin cc

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>