Ein Mädchen namens Marktforschung – Was haben die, was ich nicht hab’?

Mein Name ist Marktforschung, aber alle nennen mich Mafo. Ich bin 16 Jahre alt und gehe in die zehnte Klasse. Mein Lieblingsfach ist Statistik. Eigentlich bin ich ein fröhliches Mädchen, aber zurzeit geht es mir nicht so gut.

Montag

Seit der Mittelstufe gehe ich nicht mehr gerne zur Schule. Es sind neue Schüler in meine Klasse gekommen: Social Media, Social Media Monitoring und Big Data. Sie haben aus dem Internet an meine Schule gewechselt. Alles hat sich seitdem verändert. Obwohl ich nachmittags auch Online-Kurse besuche und ich richtig gut bin, konnte ich mit ihnen nicht warm werden. Sie behandeln mich abfällig, lachen heimlich hinter meinen Rücken über mich und grenzen mich aus. Dabei wäre ich so gerne mit ihnen befreundet! Was haben die, was ich nicht hab’?

Dienstag

Ich hab’ verschlafen, schaffe es aber noch – zwar abgehetzt – rechtzeitig zum Schulbeginn. Nachdem ich die ersten beiden Schulstunden minder erfolgreich hinter mich gebracht hab’, schlägt es endlich zur großen Pause. Zu früh gefreut. Denn wie schon seit den Sommerferien, beherrscht wieder nur ein Thema den Schulhof: der NPS. Mein NPS sei negativ, und das würde ja gar nicht gehen! Was ich denn gedenken würde, um dies zu ändern. Ich schiebe es auf die Pubertät, dass meine „Detraktoren“ gerade die Oberhand gewinnen. Aber das ist den anderen egal. Ich sei einfach nicht mehr angesagt. Das würde ja schon alleine die geringe Teilnahmebereitschaft an meinen Befragungen zeigen. Und das alles nur wegen einer einzigen Frage *Lächerlich*! Ich fühle mich missverstanden und sehne die Schulglocke herbei.

Mittwoch

Heute ist Thementag an der Schule, und so ziehe ich mir noch mal die Decke über den Kopf. Vielleicht kann ich so tun, als wäre ich krank? Hmm, ob meine Mutter mir das glaubt? Aus aktuellem Anlass hat sich unser Direktor dazu entschieden, einen Datenschützer in die Schule zu bestellen. Und wie wir alle wissen, ist das ganz und gar nicht mein Ding! Die Klausur über den unlauteren Wettbewerb hab’ ich schon in den Sand gesetzt. Über Marktstudien meinen Arsch zu retten, hat auch nicht funktioniert, da meine Kostenkalkulation durch die Decke geschossen ist. Ich raffe mich auf. Ich überfliege noch schnell die Entscheidungen des OLG Köln und stopfe das Telemediengesetz in meinen Ranzen. Ich schlage drei Kreuze, wenn der Tag vorüber ist *Erwartungsvoll*.

Donnerstag

Eigentlich mag ich Donnerstage. Aber nicht, wenn die digitale Schülerzeitung rauskommt. Seit einiger Zeit ist mir die Lektüre keine Freude mehr. Ich sei zu teuer und sei unflexibel, einfach nicht mehr up to date – muss ich dort lesen. Echtzeit sei das Maß aller Dinge und sowieso. Das ist so gemein! Ich hab schon versucht in der Fünfminutenpause mit ROI, dem Herausgeber aus der 8a zu reden. Doch der winkt immer nur ab. Ich sei halt einfach kein Digital Native. Aus die Maus. Dem helf’ ich auch nicht mehr bei der Zusammenhangsanalyse *Pff*!

Freitag

Morgen Abend ist die große, angesagte Party bei der Kundenzufriedenheit. Und ich bin eingeladen, was für ein Hygienekriterium *Jauchz*! Die Kundenzufriedenheit und ich haben uns schon immer gut verstanden. Mit ihr häng’ ich gern rum und quatsche über Handlungsempfehlungen. Und nicht nur, weil ich dann die Chance hab’ bei unseren Mädelsabenden einen Blick auf ihren Bruder Kundenbindung zu werfen. In ihn bin ich schon seit langem etwas verschossen. Er ist schwer zu durchschauen und ein wenig geheimnisvoll. Ich mag das. Er muss morgen einfach da sein *Seufz*! Hoffentlich kann ich nachher einschlafen, ich bin schon etwas aufgeregt. Er ist ja so süß!

Samstag

Heute ist der große Tag. Ich habe keinen einzigen Pickel und ziehe meinen schönsten Fummel an. Ich kann es kaum erwarten *Freu*!

Sonntag
Gestern weinte ich mich in den Schlaf. Es war der schrecklichste Abend meines ganzen Lebens. Kundenbindung war nicht da, dafür aber Social Media mit ihrem Gefolge. Wahrscheinlich war sie nur da, um mich zu ärgern. Das ist ihr zuzutrauen, der blöden Kuh! Den ganzen Abend scharwenzelt sie um Big Data herum, und sie lachten und tuschelten – damit es auch ja die ganze Schule sieht. Dieser Big Data ist ein Riesenfatzke *Tss*. Und alle vergöttern ihn. Das ist so ätzend! Selbst Monitoring, dieser Schnösel, scheint außen vorzustehen. Recht geschieht’s ihm. Aber ich? Ich bin weniger als das fünfte Rad am Wagen. Keiner sieht mich, so wie ich bin.

Was haben die, was ich nicht hab’?

 

Vielen Dank für die Inspiration an Mafolution: Blogparade Marktforschung in der Krise

2 Gedanken zu “Ein Mädchen namens Marktforschung – Was haben die, was ich nicht hab’?

  1. Liebe Mafo,

    Vielen Dank für deine offenen Worte. Sie klingen fast nach einem Hilfeschrei…

    Ich kann Dir nur raten, Dich auf deine Stärken zu besinnen. Bleib Dir selbst treu: Bringe weiterhin Licht ins Dunkel, inspiriere und provoziere deine Zuhörer und erzähle ihnen die Geschichten des Lebens, so, wie Du es auch in diesem Artikel getan hast. Social Media kann man lernen, dafür muss man kein Digital Native sein, aber ignoriere diesen ‘Zahn der Zeit’ nicht. Deine jungen, neuen Schulfreunde müssen vieles von dem, was Du schon lange blind beherrschst, noch lernen: Datenqualität, sinnvolle Analysen, Handlungsempfehlungen… Arbeite weiter an deinem Storytelling, lerne den Umgang mit den neuen Medien dieses Zeitalters und trau Dich auch mal etwas forscher aufzutreten. Schon als Kind habe ich gelernt, dass die liebsten Jungs nicht immer die erfolgreichsten sind. Schon gar nicht bei den Mädels! Halt Dich also nicht zurück, auch unangenehme Dinge auszusprechen und denen, die Dir zuhören, damit zu helfen, ein besseres Leben zu führen.

    Kopf hoch! Solche Phasen gehören zur Pubertät und ich glaube, dass es deine letzte große Krise ist.

    Viele Grüße
    Alper

  2. Liebe Mafo,

    Deine Worte haben mein Herz berührt. Auch wenn mich alle anhimmeln, so möchte ich Dir dennoch sagen, dass ich mich unsterblich in Dich verliebt habe. Was bringt mir all mein Wissen, das in mir schlummert, wenn diese ganzen Kiddies, Social Media Analyse und ihre Freundinnen, mich nicht verstehen? Bei Dir finde ich die nötige Reife, um mit Dir zu sprechen. Deine Erfahrungen würden mich immens bereichern und all meinem Wissen einen Sinn geben.

    Wären wir nicht so jung, würde ich Dich glatt fragen, ob Du meine Frau werden willst… Wir könnten unsere Kinder Inspiration, Fortschritt und Wandel nennen…

    In Liebe

    dein
    Big Data

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