Nachruf an die E-Mail

Ich habe eine Freundin. Ich war auf ihrer Hochzeit. Auf Krücken hat sie 188 Kilometer mit Straßenbahn und Bahn zurückgelegt, um mich zu besuchen. Wir fahren zusammen in Urlaub. Wir sind Freundinnen.

Soweit so gut.

18. Juni 2012

Ich will ihr an diesem Tag – warum auch immer – eine E-Mail schicken. Ich besitze ihre Studenten E-Mail-Adresse der Universität. Wir sind seit über 5 Jahren keine Studenten mehr.

Ich erfrage ihre aktuelle E-Mail über Skype. Über Facebook hätte ich es auch gekonnt. Das Skype-Fenster war gerade offen.

 27. November 2023

 Nachruf

Nach langer schwerer Krankheit bist Du von uns gegangen. Du wurdest nur 39 Jahre alt. 1984 erblicktest Du das Licht der Welt. Nur wenige kannten Dich zu dieser Zeit. Ich lernte Dich erst Ende der 1990er Jahre kennen. Es war mir ein Vergnügen. Ich nahm Dich mit in die verschiedensten Länder. Dir und mir gehörte die Welt.

Wir waren jung.

Spät in der Nacht bepackte ich Dich mit Anhängen – Wie ein Esel. Du trugst die Last. Ohne Klagen. Du warst deiner Aufgabe ergeben. Es war eine gute Zeit. Ich kommunizierte und Du warst an meiner Seite. Immer treu. Nie habe ich Dir ein Liebeslied geschrieben.

Ich bereue.

Ich habe Dich aus den Augen verloren. Immer mehr und mehr. Ich erlag dem Reiz des Neuen. Ich erlag dem Reiz der Benutzerfreundlichkeit. Immer online. Grüne Punkte und Profilbilder. Ich habe Dich benutzt und achtlos weggeworfen.

Es ist meine Schuld.

Mit diesem Nachruf möchte ich Dir danken und Dir die Achtung erweisen, die Du verdienst. Ein neues Zeitalter begann mit Dir. Und ein Neueres brach viel zu schnell über Dich herein. Nie werde ich Dich vergessen. Du hast Großes geleistet.

Du bist viel zu früh verstorben.

Ich werde mich an Dich erinnern. In Demut.

RIP E-Mail.