Mono Media – Wie Social Media Tools das Social Web konterkarieren

Twitter Run

Da ist er – der User. Zum zwangstwittern verbannt. Läuft und hetzt Audience und Authority hinterher. Fehlgeleitet? Twitter als Mittel zum Zweck. Zweckentfremdet?

Zeigt her eure Tweets, zeigt her eure Links und sehet den fleissigen Twitterern zu. Sie twittern, sie twittern, sie twittern den ganzen Tag.

Undurchführbar. Unmenschlich. Unmöglich. Nicht ganz. Greifen Sie zur Automatisierung und Ihnen wird geholfen.

Social Media Tools [1, 2] helfen Ihnen, Ihren Twitteralltag zu gestalten. Es ist ganz einfach. Füllen Sie Ihr Social Media Tool gemütlich an einem Sonntagvormittag beim Frühstücksei, und das Tool übernimmt für Sie. Kein faules Ei! Das ist unser Versprechen. Sie können entspannt in die Social Media Woche starten. Sie müssen sich nur noch um „Favorite“, „Retweet“ und „Reply“ kümmern. Aber wir arbeiten auch daran. Mit Social Media Tools wird Ihnen Audience und Authority sicher sein. Wir bedanken uns für Ihr Vertrauen.

Übrigens: Personaliserte DMs schon in der Erprobungsphase! Gerne weisen wir Sie auch in die Vorrausplanung bei Facebook ein [3].

About a User – Der Tag der toten Kommunikation

Etwas ist faul im Staate Social Web. Zuerst wurde getuschelt. Sich unter der Hand ausgetauscht. Wie viel twittern ist gut [4]? Wann ist die beste Zeit [5]? Schleichend. Unermüdlich. Panik! „So oft und dann kann ich doch gar nicht“ entfährt es verzweifelt dem User. Mit Schweißperlen bedeckt und im Schweiße seines Angesichts mit weit aufgerissenen Augen schaut er der Kommunikation in dieselbigen. Tote Augen glotzen zurück. Seinen wertvollsten Besitz hat der User im Social Web für eine handvoll Dollar schon lange verschachert – Die lebendige, soziale, menschliche Kommunikation.

Twitter Monkeys

Am Ende stehen automatisierte automatische Twitter-Automaten. Ein automatisierter automatischer Twitter-Automat kämpft gegen andere automatisierte automatische Twitter-Automaten. Die Gunst des Lesers als Programmieranweisung. Nur den Leser gibt es schon lange nicht mehr.

Und warum?
Nur für den Tweet – für den Augenblick?

Was von Social Media übrig blieb – Mono Media

Was für ein technologischer Fortschritt vom schnöden Internet zum Web 2.0! Publishing-Werkzeuge für Alle! Jubel, Trubel, Heiterkeit. Einseitige Kommunikation von Wenigen, wurde reziproke Kommunikation von Vielen. Alles war lebendig und gedieh. Die Blume Social Media machte manchen Frühling und brachte manchen Sturm über Unternehmen.

Soziale Medien veränderten die Online-Kommunikation. Sozial und menschlich, reziprok und in Echtzeit als die neue Lehre. Social Media Tools verändern die sozialen Medien. Monozial und automatisch, einseitig und zeitversetzt als die neue Leere.

Social Media Tools konterkarieren das Social Web und führen es ad absurdum. Nicht mehr und nicht weniger, oder doch ein Verbrechen [6]? Dieser digitale technologische Fortschritt wird zu einem digitalen menschlichen Rückschritt. Was von Social Media übrig bleibt – Mono Media.

Aus Twitter entspringt ein Fluss

Eines Tages kam das Fließband. Machte einiges einfacher und einiges möglich. Eines Tages kamen die Social Media Tools. Machten einiges einfacher und einiges möglich. Die letzte Konsequenz sind Tools am Fließband. Ein Guss, ein Fluss. Und der User bleibt am Ufer stehen und sieht seine Menschlichkeit davon schippern und winkt noch vergnügt – monoton.

Diesen Sommer in den Kinos

Invasion of the Twitter Snatchers (Ausschnitt aus dem Drehbuch)

2-Zimmerwohnung irgendwo. Langsame Einblendung des Wohnzimmers. Es ist dunkel. Kein Licht brennt. Nur der Fernseher läuft ohne Ton. Flackern. Farben in grün blau gehalten. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Laptop. Einzige weitere Lichtquelle neben dem Fernseher. Eine junge Frau sitzt auf der Couch. Kamerafahrt auf die Frau. Nervös zieht sie an einer Zigarette. Kamera fängt das Rot der Glut ein. Ein voller Aschenbecher und eine fast leere Flasche Wein stehen auf dem Wohnzimmertisch. Schwenk auf den Bildschirm. Großaufnahme Bildschirm.

Die junge Frau weicht ruckartig von der Tastatur zurück. Sie berührt das Weinglas. Das Glas fällt auf den Boden und zerbricht. Ausblende.

 

[1] http://reviewzntips.blogspot.com/2012/06/best-twitter-tools.html

[2] http://timely.is/#/

[3] http://t3n.de/news/facebook-beitrage-vorausgeplant-391581/

[4] http://www.stumbleupon.com/su/1d7LlK/www.socialable.co.uk/how-often-should-you-tweet/

[5] http://www.futurebiz.de/artikel/studie-nutzer-twittern-tagsuber-und-sind-abends-bei-facebook/

[6] http://www.jeffbullas.com/2010/02/28/automating-twitter-is-it-a-crime-poll/

 

Nachruf an die E-Mail

Ich habe eine Freundin. Ich war auf ihrer Hochzeit. Auf Krücken hat sie 188 Kilometer mit Straßenbahn und Bahn zurückgelegt, um mich zu besuchen. Wir fahren zusammen in Urlaub. Wir sind Freundinnen.

Soweit so gut.

18. Juni 2012

Ich will ihr an diesem Tag – warum auch immer – eine E-Mail schicken. Ich besitze ihre Studenten E-Mail-Adresse der Universität. Wir sind seit über 5 Jahren keine Studenten mehr.

Ich erfrage ihre aktuelle E-Mail über Skype. Über Facebook hätte ich es auch gekonnt. Das Skype-Fenster war gerade offen.

 27. November 2023

 Nachruf

Nach langer schwerer Krankheit bist Du von uns gegangen. Du wurdest nur 39 Jahre alt. 1984 erblicktest Du das Licht der Welt. Nur wenige kannten Dich zu dieser Zeit. Ich lernte Dich erst Ende der 1990er Jahre kennen. Es war mir ein Vergnügen. Ich nahm Dich mit in die verschiedensten Länder. Dir und mir gehörte die Welt.

Wir waren jung.

Spät in der Nacht bepackte ich Dich mit Anhängen – Wie ein Esel. Du trugst die Last. Ohne Klagen. Du warst deiner Aufgabe ergeben. Es war eine gute Zeit. Ich kommunizierte und Du warst an meiner Seite. Immer treu. Nie habe ich Dir ein Liebeslied geschrieben.

Ich bereue.

Ich habe Dich aus den Augen verloren. Immer mehr und mehr. Ich erlag dem Reiz des Neuen. Ich erlag dem Reiz der Benutzerfreundlichkeit. Immer online. Grüne Punkte und Profilbilder. Ich habe Dich benutzt und achtlos weggeworfen.

Es ist meine Schuld.

Mit diesem Nachruf möchte ich Dir danken und Dir die Achtung erweisen, die Du verdienst. Ein neues Zeitalter begann mit Dir. Und ein Neueres brach viel zu schnell über Dich herein. Nie werde ich Dich vergessen. Du hast Großes geleistet.

Du bist viel zu früh verstorben.

Ich werde mich an Dich erinnern. In Demut.

RIP E-Mail.

 

Firmenprofile – Ein Königreich für eine Antwort oder Online-Kommunikation für Dummies.

Wollen User Kommunikation mit Unternehmen auf sozialen Plattformen? Oftmals höre ich „Nein“ und werde stutzig (Stand 29. April 2012, nachmittags an einem schönen Sonntag):

Coca-Cola: 41.588.876 „Gefällt mir“-Angaben · 253.373 sprechen darüber

H&M: 10.814.705 „Gefällt mir“-Angaben · 129.153 sprechen darüber

REWE: 51.251 „Gefällt mir“-Angaben · 2.095 sprechen darüber

Ich bin pragmatisch, spare mir meine Spucke und verweise an dieser Stelle auf die Statistiken von Socialbakers [1].

Jetzt aber weiter im Text, ich hab ja noch Spucke. Können so viele „Gefällt mir“ lügen? Nein, genauso wenig wie Tränen. Aber warum kommen mir jetzt die Tränen? Ganz einfach: Soziale Plattformen wie Facebook sind Kommunikations-Kanäle. Keiner lässt sich ins Telefonbuch eintragen und den Anrufer hören: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“. Treffer ins Schwarze, oder? Tja, ich bin gut. Aber ich bin nicht nur gut, ich bin auch betroffen. Und davon erzähle ich jetzt:

Ich bin einer der zigtausend Nutzer, die auf Facebook kommunizieren wollen. Mit Freunden – und Unternehmen. Und bei den Unternehmen bin ich Kunde. Und ist der Kunde nicht König? Ich bin König. Und als König fordere ich: „Ein Königreich für eine Antwort“. Denn ohne mich seid ihr Unternehmen nichts. Ich mache euch groß, ich kaufe eure Produkte, ich nehme euren Service in Anspruch. Ich bin ein kommunikativer König und möchte mit meinem Volk – den Unternehmen – sprechen.

Ich wähle die Nummer von REWE auf Facebook. Tuut, tuut, tuut… Ich hinterlasse eine Nachricht. Natürlich der Netikette entsprechend. Ich warte. Und wenn ich nicht gestorben bin, dann warte ich noch morgen. Der König wurde zum Bettelmann. Ich bin sauer.

Ich wähle die Nummer von DB Bahn auf Facebook. Tuut, tuut, tuut… Ein Hallo höre ich am anderen Ende der Leitung. Wir haben ein kurzes Gespräch. Die Antwort “Gefällt mir” zwar nicht, aber es wurde mit mir gesprochen. Man hat mich angehört. Der König hatte eine Audienz beim Volk. Ich bin versöhnt.

Ich wähle die Nummer von FRoSTA auf Facebook. Tuut, tuut, tuut…Eine freundliche Stimme hebt den Hörer ab. Sie interessiert sich für mich und meine Belange. Wir haben ein langes, intensives Gespräch. Ich bin König. Ich bin begeistert und kaufe morgen die Paella-Pfanne.

Das ist es und nicht mehr. Es ist einfach.

Kommunikation auf sozialen Plattformen ist keine Wissenschaft. Es ist das Abheben des Hörers. Ihn jedoch nicht abzuheben, ist auch Kommunikation und zwar eine Fatale. Der User hat eine Erwartungshaltung [2]. Wie jeder, der eine Telefonnummer wählt. Die Erwartungen werden in Zukunft noch steigen. Doch Unternehmen sehen Social Media immer noch als Einbahnstraße [3]. Fast entsetzt frage ich mich: Was tut ihr denn da? Ich versteh‘ kein Wort. Deutlich bitte! [4] Hört mir zu. Redet mit mir. Sprecht mit mir. Der König hat gesprochen.

Firmenprofile werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Facebook als Leader in den sozialen Plattformen ist das Branchenbuch der Zukunft. Warum noch umständlicherweise die Website des Unternehmens aufsuchen und dort verzweifelt nach einer gut versteckten Servicenummer oder Email-Adresse suchen? Oder noch viel schlimmer ein Kontaktformular ausfüllen, durch das man sich mühevoll bis zum richtigen Ansprechpartner durchklicken muss. Oder eine überteuerte Hotline? Ich bin doch eingeloggt. Ich bin online. Ich bin Social Media und Social Media ist mein Sprachrohr. Ich kommuniziere da, wo ich bin. Online sein wird zum Normalzustand. Online-Kommunikation wird keine beiläufige Erscheinung mehr sein – Es wird die B2C-Kommunikation der Zukunft. Morgen hat heute schon begonnen. Sehr pathetisch, aber unausweichlich. Für Unternehmen dienen Facebook und Co. leider oftmals nur zum Durchprügeln von unternehmerischen Social Media Kampagnen. Commerce heute leider noch vor Kommunikation [5]. Der Kunde soll kaufen und nicht König sein. Dies ist mehr als eine Einbahnstraße, dies ist eine Sackgasse. Social Media wird als Medium falsch verstanden – Social Media ist immer reziprok und niemals einseitig. Unternehmen müssen dies adaptieren und endlich ihre Chance erkennen und nutzen.

Die Welt hat sich nicht verändert – Die Kommunikations-Kanäle schon. Und ich will immer noch König sein. Auch morgen. Und vielleicht kaufe ich auch etwas.

Rückblick:

Es ist 1989- Ich bin neun Jahre alt und Social Media ist noch nicht geboren.

Ich gehe mit meiner Mutter in den Supermarkt. Meine Mutter sucht ein Produkt und findet es nicht. Wir suchen eine Verkäuferin. Niemand da. Meine Mutter ist sauer.

Endlich haben wir eine Verkäuferin gefunden. Wir bekommen eine kurze, knappe Antwort und meine Mutter hält ihr Produkt in Händen. Meine Mutter ist versöhnt.

Wir kommen an die Wursttheke. Die Verkäuferin lächelt uns nett an, berät uns und geht auf unsere Wünsche ein. Am Ende gibt sie mir noch eine Scheibe Fleischwurst. Ich bin begeistert und komme morgen wieder.

Das ist es und nicht mehr. Es ist einfach.

 

[1] http://www.socialbakers.com/facebook-pages/brands/

[2] http://blog.kennstdueinen.de/2011/12/was-erwarten-verbraucher-von-unternehmen-in-sozialen-medien/

[3] http://www.atkearney.de/content/presse/pressemitteilungen_practices_detail.php/id/51623/practice/marketingandsales

[4] http://www.brandeins.de/magazin/markenkommunikation/das-grosse-brabbeln.html#.T4_Pq0Elhto.twitter

[5] http://www.focus.de/digital/internet/netzoekonomie-blog/tid-25387/social-media-kommunikation-statt-commerce-wie-konzerne-facebook-und-twitter-nutzen_aid_729502.html