Social Media Schizophrenie – Das digitale Ich und der Rollenkonflikt

Ich brauche meine Symptome nicht zu googeln. Ich stelle die Selbstdiagnose: Ich habe Social Media Schizophrenie.

Die ersten Gerüchte über diese Krankheit im Web 2.0 Zeitalter inklusive Symptombeschreibungen tummeln sich schon seit einiger Zeit im Netz. Unter anderem ist zu lesen: „Social Media Schizophrenie beschreibt die Aufspaltung der Online Persona auf verschiedene Kanäle“ [1]. Aber es ist schlimmer. Ich rufe Social Media Schizophrenie zur neuen Volkskrankheit aus. Immer höhere Opferzahlen sind zu beklagen und die Symptome werden gravierender. Ich bin Opfer und leide – doppelt, dreifach und wenn nicht sogar n-fach. Jetzt hab ich nicht nur Burnout am Hals, sondern auch noch eine digitale gespaltene Persönlichkeit an der Backe – respektive an den Backen. Au Backe. Schlimmer als Zahnweh.

Ziemlich pfiffig stellte im Jahr 2007 Richard David Precht [2] in seinem Buchtitel die Frage: „Wer bin ich – und wenn ja wie viele? […]. Ich stelle im Jahre 2012 nicht minder pfiffig die Frage „Wer bin ich? Und wenn ja, wer bin ich wann und wo?“. Ein Ich wäre schön. Nix da. Kann ich mir abschminken und putze es mir sogleich von den Backen. Ich bin bei Facebook, Xing, Google+, Last.fm, StudiVZ, Twitter und Co. Das schreit nach einer ordentlich geführten Excel-Tabelle. Eine beispielhafte Auswahl tut genüge, um mein Dilemma in aller Gänze zu beschreiben. Ach ja, und den Blog, den gibt’s ja auch noch.

Ich? Das Ich, welches sich morgens zerknautscht die Zähne putzt und sich im Spiegel begutachtet – Ich sehe ein Ich im Spiegel. Ein müdes und missgelauntes Ich, aber immerhin nur ein Ich (Anm. d. Red.: wenn das mal stimmt). Gucke ich wenig später ins Internet – das Zweite, in das ich morgens nach dem Spiegel schaue – sehe ich nicht nur ein digitales Ich. Da sind so viele von mir, und ich bekomme Angst vor mir selber. Und alle sind Ich. Harter Tobak.

 Bei Facebook bin ich rein privat – Profil nur für Freunde sichtbar.

Ich bin Isis.

Bei Xing bin ich rein beruflich – Profil für das Netzwerk sichtbar.

Ich bin Isis Sarah Neuerbourg.

Bei Twitter bin ich semi-privat – Profil öffentlich.

Ich bin Isistown.

Das Einloggen entscheidet über mein digitales Ich.

Wer bin ich gerade? Wer soll Zugang zu meinem Profil haben? Mit wem teile ich welche Inhalte? Was repräsentiere ich wo? Was kann mir wo schaden? Wo poste ich meine politische Meinung? Wo besser nicht? Nehme ich eine Freundschaftsfrage an oder nicht?

Ich muss wissen wer ich wo bin, aber auch das hilft manchmal nicht. Ziemlich ungerecht, wie ich finde. Nicht jede dieser Fragen kann immer eindeutig beantwortet werden. Ziemlich ungerecht, wie ich finde.

Oft spiegelt das jeweilige digitale Ich eine Rolle im wirklichen Leben wider. Schon im wirklichen Leben sind die uns zugedachten Rollen nicht immer trennscharf. Das Social Web führt dazu, dass diese Trennschärfe mehr und mehr aufgeweicht wird. Wir müssen nicht nur all unsere Profile händeln, sondern Zwickmühlen säumen unseren Weg, die im schlimmsten Falle sogar in einem Schachmatt enden.

Und natürlich ist Facebook wieder im Mittelpunkt des Interesses. Kein Gesellschaftsspiel ohne Facebook. Wer hätte das gedacht? – Ich nicht. Beispiele hierfür bietet die uns altbekannte taz mit Ihrem Artikel „Das fiese Profil“ [3] und jüngst der freie Journalist Tobias Gillen mit seinem Beitrag „Abhängigkeitsverhältnis auf Facebook“ [4] in der Kolumne “Draufgeklickt!”. Privatpersonen waren zuerst von der Social Media Schizophrenie betroffen – Patient Null. Aber es greift immer weiter um sich. Rette sich wer kann.

Richtig dicke trifft es die, die auch beruflich im Social Web unterwegs sind. Da wird aus einmal Social Web zweimal Social Web. Au Backe.

Zunächst gab es nur private Profile – abgesehen von Business-Netzwerken. Nach und nach gesellten sich die Firmenprofile dazu. Heute legen beispielsweise Vertreter, Vertriebler, Verkäufer und Selbstständige ein berufliches Profil als Person an – sehr wahrscheinlich neben ihrem privaten Profil. Bin ich Person oder bin ich Unternehmen? Kann ich das trennen? Sollte ich das trennen? Und wenn, ja, wie? Hilft mir eine Excel-Tabelle? Und wie gehe ich als potentieller Kunde damit um? Möchte ich eine Freundschaft? Und was bedeutet eine Freundschaft?

Das Social Web weicht auf. Es macht uns Rollenzuweisungen schwerer. Äußere und innere Rollenkonflikte sind vorprogrammiert. Das eine digitale Ich trifft auf ein anderes digitales Ich. Beide müssten im Idealfall genau wissen „Wer bin ich? Und wenn ja, wer bin ich wann und wo?“, um aus der Nummer sauber wieder raus zu kommen. Mitgefangen, mitgehangen -  Das Social Web wird zum Spider Web.

Niemand ist vor Social Media Schizophrenie gefeit. Außer natürlich die Social Media Verweigerer! Hut ab, ihr macht alles richtig. Schön gesund bleiben. Ich bringe derweil meine Excel-Tabelle auf den neuesten Stand und singe das Lied vom Spider Schwein.

 

[1] http://www.netz-reputation.de/2010/12/

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_David_Precht

[3] http://www.taz.de/!80135/

[4] http://allfacebook.de/kolumne/draufgeklickt-chef-faceboo